Abramović meets Achtsamkeit

Seit vielen Jahren übe ich die Gehmeditation. Ich mag sie unter anderem, weil sie eine perfekte Möglichkeit bietet, mehr Achtsamkeit in den Alltag zu bringen. Dass mich dabei eine komplett in Schwarz gekleidete junge Frau an an der Hand nimmt und mich bei den ersten Schritten in Zeitlupentempo begleitet, ist allerdings neu für mich. Ebenso der Ort des Geschehens: der Große Saal der Alten Oper Frankfurt. Das entschleunigte Gehen ist Teil der Vorbereitung auf ein ungewöhnliches Konzert: „Anders hören – die Abramović-Methode für Musik“. Als ich im Oktober 2018 erstmals von dem Projekt der für ihre extremen Performances bekannten Künstlerin Marina Abramović hörte, stand für mich sofort fest: Da muss ich hin! Ein außergewöhnliches (und außergewöhnlich langes) Klassik-Konzert, das ungefilterte, neue Hörerfahrungen ermöglichen soll. Fokussiert und konzentriert auf den Augenblick, ohne Ablenkung durch Blicke auf die Uhr oder das Checken der jüngsten WhatsApp-Nachricht auf dem Smartphone.  Wer an dem Projekt teilnehmen möchte, muss alles, was im Außen ablenken könnte, an der Garderobe lassen. Da kennt die Künstlerin kein Pardon.

Abramocić meets Achtsamkeit
Das Konzert war ein herausforderndes Experiment für einige Teilnehmer.

Mit der Methode vertraut machen

Aber zunächst sollen Körper und Geist in jeweils zwei dreistündigen Trainingsmodulen mit der „Abramović-Methode“ vertraut gemacht werden. Meditatives Gehen, mit geschlossenen Augen auf einem Podest stehen, den Blick längere Zeit auf einer farbigen Fläche ruhen lassen, Reiskörner zählen oder einem gegenüber sitzenden Menschen längere Zeit in die Augen schauen.  Was und wie lange wir üben, dürfen wir uns aussuchen, nur Reden ist verboten. Nach mehreren Stunden in schummrigem Licht mit zu fest sitzenden Kopfhörern, die das Erleben von Stille verstärken sollen, bin ich ziemlich froh, vor die Tür zu kommen und die milde Frühlingssonne zu genießen.

Am Sonntag wird es dann ernst. Armbanduhr und Smartphone wandern wieder in den Rucksack, bevor sich die Türen zum Großen Saal öffnen. Keine Bühne, nur ein großer Flügel (an dem sich später der türkische Pianist Fazil Say in einem kurzen Auftritt verausgaben wird) inmitten des Raums, und neben den Stuhlreihen eine Menge Kissen auf dem Boden. Denn bei diesem Konzert ist Hinlegen und Herumlaufen ausdrücklich erlaubt. Die Musiker/innen spielen mal unten im Saal, mal auf der Empore inmitten des Publikums, im Sitzen, im Stehen, zeitweise auch im Gehen. Zu hören sind unter anderem Akkordeon, Flöte, Geige, Gitarre, Sitar und Orgel, mal melodisch, mal dissonant  – vor allem aber bleibt Zeit und Raum, um sich ganz auf den Klang der einzelnen Instrumente einzulassen, die einander abwechseln und nie gleichzeitig ertönen. 

Eine wohlige Zufriedenheit im Bauch

Die Erfahrung dieses ungewöhnlichen Konzerts zu beschreiben, fällt schwer. Vielleicht hilft ein Vergleich: Es fühlt sich an, als würde man anstelle eines überwürzten Gerichts zum ersten Mal seit langem wieder den feinen, unverfälschten  Eigengeschmack einer einzelnen Gemüsesorte kosten und dabei eine wohlige Zufriedenheit im Bauch verspüren. 

Schade nur, dass dieses Experiment trotz Vorbereitung für einen Teil des Publikums offenbar zu herausfordernd ist, denn nach und nach lichten sich die Reihen deutlich.  Sie habe den Konzertabend als große Überforderung erlebt, berichtet eine Musikkritikerin am Tag darauf im Deutschlandfunk, die ein fehlendes musikalisches Konzept vermisst hat. Aus Sicht der Musikkritik kann man es so sehen, sicher. Wer jedoch etwas in Achtsamkeit geübt ist und Abramović´s Einladung folgen konnte, ganz ohne Konzepte im Hier und Jetzt zu sein, vollkommen einzutauchen in eine pure Hörerfahrung, konnte an diesem Sonntag in der Alten Oper zutiefst berührende Momente und einige Überraschungen erleben.  Zum Beispiel, wie kurz sich fünf Stunden anfühlen können, wenn wir wirklich präsent sind.  

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